Frankeneinfälle

Germania Inferior zur Zeit von Kaiser Gallienus (253-268)

Was bisher geschah ..

Der gewaltsame Wechsel auf dem Kaiserthron ließ das Römische Reich nicht zur Ruhe kommen. Immer wieder riefen Truppen ihre Anführer zum Kaiser aus - und ermordeten sie wenig später. Nach außen musste es sich fast unentwegt an mehreren Fronten gegen neue, mächtige Feinde verteidigen: An der unteren Donau waren die Goten durchgebrochen; im Osten kamen die römischen Truppen gegen die Sassaniden kaum mehr an; in Südwestdeutschland kam es zu verheerenden Raubzügen der Alemannen.

Germania Inferior war bislang verschont geblieben; gegen Übergriffe einzelner germanischer Stämme hatten sich die Römer gut wehren können. Doch inzwischen waren die alten Stämme auf der rechten Rheinseite zum Großstamm der Franken zusammengewachsen und so zu einer ernsten Bedrohung für die Römer geworden. Nach vielen Generationen war Vitus Familienoberhaupt in der "Villa Alaudae". Er war Veteran der Flotte. Sein bester Freund war Florens, der an der Rheintalstraße für die legio I Minervia Dienst tat und den Hof seines Vaters Fructo übernommen hatte. Beide waren sehr besorgt, denn durch den ständigen Abzug von Truppen in den Osten oder in Bürgerkriege war die Rheingrenze kaum geschützt.

Frankeneinfall (256-258)

Bald darauf fielen die Franken in Germania Inferior ein; mehrere Kastelle am Rhein wurden zerstört, Krefeld-Gelduba dem Erdboden gleichgemacht, fast alle Einwohner und die zur Hilfe eilenden Soldaten wurden niedergemetzelt. Die Franken drangen nach Gallia Belgica vor und eroberten Trier. Nur dank ihrer steinernen Stadtmauer überstand die CCAA den Überfall.

Kaiser Gallienus eilte nach Gallien und konnte Trier zurückerobern, er reorganisierte die Verteidigung von Germania Superior und Gallia Belgica. Zusammen mit seinem Statthalter in Germanien, Postumus, konnte er die Franken zurückdrängen.

Ein Katastrophenjahr für die römische Welt (260)

Doch 260 musste Gallienus den Feldzug plötzlich abbrechen. Im Osten war das römische Heer unter Kaiser Valerian in der Schlacht bei Edessa und Karrhai in Mesopotamien vernichtend geschlagen worden, der Kaiser selbst in die Gefangenschaft des Sassanidenkönigs geraten. Erst viel später erfuhren seine Lieben daheim in Bonn, dass Petronius Alutensis nicht zurückkehren würde. Er war unter den Toten von Edessa und Karrhai. Es blieb noch nicht einmal Zeit, ihn zu betrauern.

Als die Nachricht von der Niederlage des Kaisers nach Rom kam, ließ sich ein Statthalter an der Donau zum Kaiser ausrufen und ein Bürgerkrieg brach aus; wieder wurden die Truppen vom Rhein und vom Limes abgezogen. Sogleich überrannten die Alemannen und Franken den Limes und drangen auf den gut ausgebauten Römerstraßen bis nach Spanien und Italien vor. Mit knapper Not konnte Kaiser Gallienus sie bei Mailand zurückschlagen; doch die Folgen für die römischen Provinzen an Rhein und Donau waren verheerend.

Auch als Veteran war Vitus stets auf seinem Schiff auf dem Rhein unterwegs, denn die Flotte brauchte jeden Mann. Wieder war er auf dem Weg von Bonn hinab nach Germania Superior und zurück. Angestrengt blickte er auf die rechte Rheinseite. Irgendwo in den dichten Wäldern lauerten ihre Feinde, und die konnten plötzlich über die römischen Siedlungen hereinbrechen. Der Überfall von Krefeld-Gelduba war so schnell gekommen, dass weder die Zivilisten noch die herbeieilenden Soldaten eine Chance gehabt hatten.

Endlich konnte Gallienus' Statthalter in Germania Inferior, Postumus, die Franken entscheidend schlagen. Doch nach einem Streit mit dem Sohn des Kaisers über Beute, die seine Truppen den Franken abgejagt hatten, riefen seine Truppen ihn zum Kaiser aus. Auch die Xantener legio XXX Ulpia Victrix und die Bonner legio I Minervia stellten sich auf seine Seite. Andere germanische Legionen, so die XXII Primigenia in Mainz, hielten weiter Kaiser Gallienus die Treue. Von der VIII Augusta in Straßburg wusste man es nicht genau. Vitus war bedrückt. Nun musste man nicht nur die Franken bekämpfen, nun gingen sich die Römer untereinander an die Kehle.

Sit vobis terra levis - möge die Erde über Euch leicht sein (260)

Es drängte ihn zu seinem Freund Florens, er musste sich vergewissern, dass es ihm und seinen Angehörigen und allen dort auf dem Hof gut ging. Immerhin war Florens ein Offizier der legio I Minervia, und die XXII Primigenia war auf der Seite von Kaiser Gallienus verblieben. Mit aller Inbrunst wehrte sich Vitus gegen den Gedanken, dass sich nach so vielen Jahren an der Rheingrenze Angehörige zweier benachbarter Legionen bekriegen würden, aber es waren schlimme Zeiten, und das ging auch an den Soldaten nicht spurlos vorbei. Auf dem Hof lief ihm Florens entgegen. Gottseidank, hier war alles heil. Aber Florens hatte schlimme Nachrichten. "Sie haben Niederbieber zerstört."

Vitus war erschüttert. Niederbieber.. sein Vater Vigilius hatte es mit aufgebaut, hier hatten sie mit Fructo die Verleihung des römischen Bürgerrechts gefeiert, hier hatte er die feuervergoldete Dracostandarte gesehen - und nun war all dies zerstört. Es schien ihm, als wenn die Welt seiner Kindheit, die seines Vaters und Großvaters in Trümmern lag. Er hockte sich nieder, nahm ein paar Brocken Erde auf und ließ sie langsam wieder zu Boden fallen. "Sit vobis terra levis - möge die Erde über Euch leicht sein", sprach er als kurzes Totengebet. "Vermutlich waren es die Barbaren", meinte Florens, "aber einige zweifeln dran." Langsam richtete sich Vitus auf. "So schlimm es ist, wir dürfen es jetzt nicht zu sehr an uns heranlassen, sonst nimmt es uns jede Kraft. Wir müssen uns jetzt um die Sicherheit unserer Leute kümmern."

Fest umarmte er seinen Freund, dann machte er sich entschlossen auf den Weg. Einen handwerklich begabten Kameraden bat er, eine Dracostandarte für den Mast seines Schiffes zu schnitzen und sie goldfarben anzumalen. Dann ruderten sie los. Jederzeit konnte der Feind wieder über die Grenze dringen.

Gallisches Sonderreich (260-274)

Die drei Gallischen Provinzen, Germania Inferior und Germania Superior, zeitweise auch Spanien und Britannien, sagten sich von Rom los und bildeten ein "Gallisches Sonderreich" mit der CCAA als Hauptstadt. Kaiser Gallienus in Rom konnte das nicht hinnehmen. Dabei verstand Postumus sich als Römer und hatte nicht die Absicht, Gallienus seinen Thron streitig zu machen. Aber da der Kaiser nicht an allen Fronten zugleich kämpfen konnte, nahmen Postumus und seine Männer die Verteidigung Galliens und Germaniens in die eigene Hand. Er scheute sich nicht, Zahlungen an die Thüringer im rechtsrheinischen Germanien zu leisten, damit sie ihrerseits die Franken beschäftigt hielten. Für einige Jahre herrschte Ruhe an der Rheingrenze, und die Römer gewannen Zeit, um sich besser gegen die Franken und Alemannen zu schützen.

Postumus organisierte die Grenzverteidigung in der Tiefe. Nicht nur direkt an der Grenze, auch im Hinterland wurden Truppen stationiert, die eingreifen konnten, wenn Feinde einmal durchgebrochen waren. Die großen Straßen nach Tongeren ins Innere von Germania Inferior und nach Augusta Treverorum in Gallia Belgica wurden durch Kleinkastelle (Burgi) und dort stationierte Reiterverbände gesichert. Auch reichten die beiden großen Flottenstützpunkte in der CCAA und in Mainz alleine nicht mehr aus, die Grenze musste engmaschiger überwacht werden. Auf der rechten Rheinseite, gegenüber den Kastellen, wurden befestigte Anlegestellen für Schiffe gebaut (Lände-Burgi).

Jederzeit musste man mit großangelegten Raubzügen der Franken und Alemannen in römisches Gebiet rechnen, viele Menschen verließen ihre Häuser und Landgüter und zogen in die Städte oder in die Nähe gut befestigter Kastelle, manche zogen auch ganz fort aus dem Grenzgebiet tiefer hinein ins Römische Reich. Vitus und sein Freund Florens halfen, wo sie konnten. Vitus brachte viele Menschen mit seinem Schiff zu Verwandten in anderen Orten. Schon bald war sein Schiff mit der goldenen Dracostandarte bekannt und man winkte ihm oft schon vom Ufer zu. Dann ließ er heran rudern und nahm die schutzsuchenden Menschen mit. Wer gar nicht wusste wohin, fand auf Florens' Hof erst einmal Unterschlupf. An vielen Orten auf dem Land baute man Burgi - Wehrtürme, in denen die Menschen auf dem Land im Falle eines Angriffs Schutz finden konnten. Auch auf Florens' Hof entstand ein großer Burgus.

Aber das Reich kam nicht zur Ruhe. Kaiser Gallienus war von seinen eigenen Leuten ermordet worden, wie so viele Kaiser vor und vielleicht auch nach ihm. Wenige Jahre später kam es zu einem Kampf zwischen Postumus' Truppen und den Legionen in Mainz, und Postumus siegte. Als er seinen Soldaten die Plünderung untersagte, wurde auch er ermordet.

Die Katastrophe (276)

Nach dem Postumus' Tod ging es mit dem Gallischen Sonderreich bergab. Die neuen Kaiser verlegten ihre Residenz nach Trier und waren vor allem mit ihren eigenen Intrigen beschäftigt. Derweil kam in Rom ein starker Herrscher an die Macht, Aurelian (270-275). Bei seinem Regierungsantritt herrschte er nur über ein Drittel des Römischen Reiches, denn große Teile des Ostens hatten sich unter der Führung der Oasenstadt Palmyra von Rom losgesagt, und im Westen bestand das Gallische Sonderreich. Das nahm Aurelian nicht hin. Als er Palmyra besiegt hatte, zog er 274 mit seinem Heer über die Alpen, um auch dem Gallischen Sonderreich ein Ende zu machen. Auch der Herrscher in Trier, Tetricus, rief seine Armee zusammen. Die Soldaten, die noch am Rhein standen, mussten mit.

Die Veteranen Vitus und Florens standen an der Rheintalstraße und sahen ihnen bange nach. "Wenn die Franken wieder angreifen, bevor sie zurück sind, haben wir keine Chance", sagte Vitus bedrückt. "Sie werden kommen, alter Freund", antwortete Florens langsam, "seit Jahren beobachten sie, wie immer wieder Truppen vom Rhein abgezogen werden. Sie wissen längst, wie verwundbar wir sind. Und nach allem, was ich von Aurelian gehört habe, ist er sehr hart." "Dann können wir uns nur weiter gut vorbereiten", sagte Vitus, "wir schaffen Vorräte ins Lager, und beim geringsten Anzeichen von Gefahr sucht die Familie dort Schutz. Und wie sieht es bei Euch?" "Der Burgus auf unserem Hof steht sicher und fest", sagte Florens, "wir haben ihn so groß gebaut, dass viele Menschen und Tiere dort unterkommen. Dazu haben wir eine steinerne Wand hochgezogen und zwei Wälle mit Gräben angelegt. Ganz außen steht eine hohe Palisadenwand, das wird sie abhalten." Vitus nickte, doch er war beklommen. Noch einmal drückte er seinen Freund ganz fest, dann machte er sich auf den Weg zurück nach Bonn.

Schon bald darauf kamen erste Meldung aus Gallien, die Schlimmes ahnen ließen. Dann kamen nur wenige Männer zurück ins Bonner Legionslager - erschöpft, niedergeschlagen, mutlos. In einer blutigen Schlacht bei Châlons-sur-Marne hatte Aurelian gesiegt. Es mag ein Sieg für die Autorität Roms gewesen sein, doch für Gallien und das Rheinland war es eine Katastrophe. Sehr viele Soldaten der Rheinarmee waren umgekommen oder auf Aurelians Befehl hingerichtet worden, und so blieb kaum jemand mehr, der die Grenze hätte verteidigen können.

Doch es blieb keine Zeit zur Trauer. Die Mannschaften im Lager mussten verstärkt, die Vorräte weiter aufgestockt werden. Die meisten Menschen hatten von der Katastrophe in Gelduba erfahren und wussten, wie schnell die Überfälle kommen konnten. Immer mehr Menschen bereiteten sich darauf vor, beim ersten Anzeichen von Gefahr ins befestigte Lager zu fliehen. Vitus hielt sie immer wieder an, für den Ernstfall zu üben.

Wenig später überrannten die Franken und Alemannen das Land. Viele Kastelle am Rhein wurden zerstört, weite Teile Hollands, Belgiens und Frankreichs wurden verwüstet, Paris ging in Flammen auf. Eine fränkische Horde überrannte das kleine Bonn, und nur die schnelle Flucht ins Legionslager konnte Leben retten. Dort war man vorbereitet: Pfeilhagel auf Pfeilhagel geht auf die Angreifer nieder, das steinerne Legionslager hielt dem Angriff stand, und die Franken mussten den Angriff aufgeben.

Doch die Menschen im Legionslager konnten nicht aufatmen. Wütend und frustriert zogen die Franken ab und gingen auf leichtere Ziele los. Wenig später sah man Feuer lodern, im Vicus und dann weiter weg. Als klar wurde, dass die Franken die Belagerung abbrachen, hatte ihnen ein Teil der Soldaten gleich nachgesetzt. Doch für viele Häuser und Höfe kam die Hilfe zu spät.

Die "Villa Alaudae" wird aufgegeben (276)

Sobald er seine Familie in Sicherheit wusste, machte sich Vitus auf zu seinem Freund Florens. Doch schon von weitem sah er den Rauch - der Hof war niedergebrannt. Während er verzweifelt durch die Trümmer lief, hörte er jemanden seinen Namen rufen. Als er sich umdrehte, sah er einen der Nachbarn auf sich zu laufen. "Vitus", rief er keuchend, "sie haben alles niedergebrannt, aber Florens, die Familie, die Tiere - sie leben, der Burgus hat standgehalten".

Wenig später konnte der hemmungslos weinende Vitus seinen Freund und dessen Angehörige in die Arme schließen. Dann mussten sie Abschied von ihrem Hof nehmen, denn hier draußen hatten sie alleine keine Chance. Florens, seine Angehörigen und seine Nachbarn luden ihr Hab und Gut auf Karren und zogen ins Bonner Legionslager.

Auch die Wohngebiete außerhalb des Lagers wurden aufgegeben, alle suchten nun Schutz innerhalb des Lagers. Vitus und seiner Familie fiel es unendlich schwer, die "Villa Alaudae" zu verlassen. Noch einmal gingen sie durch das Haus, das über Generationen hinweg in ihrer Familie gewesen war. Wie hatten sie diesen Blick aus dem Fenster auf den Rhein und die Berge auf der anderen Seite geliebt! Nun würden auch sie im Legionslager leben; die meisten Einrichtungsgegenstände waren schon in ein Steinhäuschen innerhalb des Lagers gebracht worden, wo sie ihr kleines Ladenlokal einigermaßen weiterführen konnten. Doch ihre "Villa Alaudae" aufzugeben brach ihnen das Herz.

Bildnachweis

Das Bild von Postumus stammt aus der deutschen Wikipedia, public domain section.