Das Reich in der Krise

Römerstraße in der Bonner Rheinaue

Germania Inferior und Germania Superior, zur Zeit der Soldatenkaiser.

Was bisher geschah ..

Caracalla hatte mit der "Constitutio Antoniana" allen Freien das Römische Bürgerrecht geschenkt. Doch der Limes begann zu wanken. Jenseits der Grenze, im Barbaricum, waren fremde Elbgermanen zugezogen, die Rom feindlich gesinnt waren. Die Situation verschärfte sich, als Kaiser Alexander Severus Truppen vom Rhein abzog, um im Osten gegen einen neuen Feind, die Sassaniden, zu kämpfen.

Vigilius, Offizier der Classis Germanica, hatte mit seinen Kameraden immer wieder Steine für die Verstärkung des Limes und insbesondere den Neubau des Kastells in Niederbieber transportiert. Dabei hat er eine enge Freundschaft geschlossen mit Fructo, einem Offizier der Hilfstruppen. Nach seinem aktiven Dienst ließ sich Fructo mit seiner Familie auf einem Gutshof an der Römischen Rheintalstraße nieder und übernahm dort auch Polizeiaufgaben. Schon bald nahm er einen germanischen Händler mit seinem Esel bei sich auf. Vigilius lebte mit seiner Familie in der "Villa Alaudae". Die Freundschaft der Väter setzte sich auch bei ihren Söhnen fort; Vitus und Florens wuchsen miteinander auf und waren ein Leben lang unzertrennlich. Ihren Vätern war es vergönnt, den folgenden Alemannensturm nicht mehr zu erleben.

Raubzüge der Alemannen (233-234)

233/234 drangen die Alemannen über den Limes, brannten Kastelle nieder und fielen in Germania Superior und Raetien ein. Die Landgüter der Römer wurden überfallen, die Menschen grausam gefoltert, erschlagen oder versklavt, die Gebäude geplündert und angezündet. Als endlich Verstärkung kam, war es längst zu spät. Die Helfer sahen sie nur noch Tod und Zerstörung, niedergebrannte Höfe und verzweifelte Menschen.

Auch die Menschen in Bonn fühlten mit ihren Mitbürgern im Südwesten und waren sehr besorgt; man musste mit weiteren Überfällen rechnen. An diesem Tag war Florens bei Vitus und seiner Schwester Uvilla in der "Villa Alaudae". "Auch unsere Mitbürger aus dem Osten sind besorgt", sagte Uvilla, "von den Sassaniden haben sie nur gehört, aber was sie gehört haben, ist schlimm genug. Die Sassaniden haben die Parther gestürzt und wollen nun ein neues persisches Großreich errichten. Unsere Mitbürger fürchten um ihre alte Heimat und haben Angst, dass es ein langer Krieg wird und immer wieder Truppen von hier in den Osten abkommandiert werden." "Das schwächt unsere Grenzverteidigung noch mehr", sagte Florens mit düsterer Miene, "die Besatzung der Limeskastelle allein kann große Raubtrupps nicht auf-halten, und die Legionsstandorte in Mainz und Straßburg sind durch Truppenverlegungen an den Osten unterbesetzt. Wenn die Barbaren einmal durch sind, hält sie in Gallien bis hinab nach Italien keiner mehr auf." "Irgendwann müssen sie zurück über den Rhein, und dann kriegen wir sie", sagte Vitus entschlossen.

Die schlimmen Nachrichten erreichten Kaiser Severus Alexanders Heer in Lager von Antiochia nach einem verlustreichen Feldzug. Sie brachten die Soldaten aus den germanischen Provinzen noch mehr gegen ihn auf. Schnell traf er ein unsicheres Abkommen und brach den Feldzug ab. Noch immer stand er ganz unter dem Einfluss seiner Mutter und wurde von der Truppe wenig respektiert. In der zweiten Jahreshälfte 234 oder Anfang 235 eilte der Kaiser mit seiner Mutter nach Mainz. Mit einigen Legionen zog der Kaiser auf einer Pontonbrücke über den Rhein. Doch dann scheuten er und seine Mutter den Kampf und boten sogar den Germanen große Summen an, damit sie Frieden hielten. Für viele Soldaten war nun das Maß voll. Ein Teil des Heeres meuterte - unter ihnen die Mainzer legio XII Primigenia - und erhoben den Offizier Maximinus Thrax zum Kaiser. Niemand wollte für den Kaiser und seine Mutter kämpfen, seine Soldaten liefen zum Gegner über. Julia Mamaea und Severus Alexander wurden im März 235 in ihrem Zelt im Feldlager ermordet.

Maximinus Thrax' Gegenschlag (235)

Einige Jahre lebte der germanische Händler Finno nun schon auf Fructos Hof. Er hatte es nicht bereut, es gab viel für ihn zu tun. Auch die Eselin Puella, sein "Mädchen", hatte noch einige glückliche Jahre auf Fructos Hof inmitten seiner Kinderschar verbracht. Nun lag sie hier, auf dem linken Rheinufer, begraben.

Es war richtig gewesen, zu Fructo auf die rechte Rheinseite zu ziehen. Im Grenzgebiet waren marodierende Räuberbanden unterwegs, auch Germanen, die ihn ohne Rücksicht auf seine germanische Herkunft für etwas Beute erschlagen würden. Unter den Römern waren viele, die verroht waren und auf jeden Germanen einschlagen würden - egal ob Freund oder Feind.

Wieder einmal starrte Finno sehnsuchtsvoll nach drüben. Er glaubte nicht, dass es bald Frieden geben würde; viel zu verworren war die Lage. Wenn nur Florens und Vitus endlich wieder hier wären! Kaiser Maximinus Thrax war mit seinen Legionen zu einem Vergeltungsfeldzug ins Innere Germaniens aufgebrochen. Auch die legio I Minervia hatte sich auf seine Seite geschlagen und hieß nun legio I Minervia Maximiana. Florens als Kundschafter und Vitus als Flottenoffizier hatten mitge-musst, denn der Kaiser brauchte jeden Mann. Dabei wusste keiner so recht, gegen wen die Truppen ins Feld zogen. Drüben im Barbaricum waren Völker aus ihrer angestammten Heimat fortgezogen, hatten auf ihrem Weg andere verdrängt oder sich mit ihnen zusammengeschlossen, hatten sich wieder abgespalten und neu zusammengefunden. Keiner daheim auf Fructos Hof und in der "Villa Alaudae" in Bonn wusste, was ihre Jungens drüben im Barbaricum erwartete.

Das waren sie auch für Finno, seine Jungens, obwohl er Germane von der rechten Rheinseite war. Auch Fructo und Florens waren germanischer Abstammung, Vitus hatte ubische, gallisch-römische und thrakische Vorfahren. Und es waren fremde, neu hinzugezogene Germanen gewesen, die sich in drüben in Finnos Heimat mit Gewalt nahmen, was sie brauchten. Ja, Vitus und Florens waren seine Jungens, denn er hatte sie aufwachsen sehen. Wenn sie nur endlich gesund wiederkämen!

Als es auf den Winter zuging, kehrten Maximinus Thrax und seine Soldaten an den Rhein zurück. Auf dem Rückmarsch waren sie am Harzhorn tief in Germanien in einen Hinterhalt der Germanen geraten, doch dank ihrer überlegenen Ausrüstung und Waffentechnik hatten sie gesiegt.

Unsichere Zukunft (um 238)

Auch Vitus und Florens kehrten unverletzt, aber gezeichnet von den vielen Strapazen zurück. Doch sie konnten nur wenige Tage daheim in der "Villa Alaudae" und auf Florens' Hof verbringen, denn ihr Dienst ging gleich weiter. An diesem Abend sah Finno, wie Vitus am linken Rheinufer stand und hinüber zum Drachenfels schaute. Er wollte sich schon wieder zurückziehen, da sprach Vitus ihn freundlich an. "Bleib' nur", sagte er, "nun stehen wir beide hier und schauen hin-über. Seit so vielen Jahren haben unsere Leute dort Steine abgebaut, wir von der Flotte haben sie transportiert, und meine Familie hat über Generationen einen Verpflegungstand dort betrieben. Heute ist daran gar nicht zu denken, die Flotte und die Kameraden von der Legion sind ständig in Alarmbereitschaft und auf Patrouille. Manchmal habe ich Angst, dass in meiner Generation das Lebenswerk meiner Vorfahren zu Bruch geht."

Finno nickte. Auch in Germania Inferior kam es zunehmend zu Überfällen rechtsrheinischer Germanen. Bislang hatte die Armee die römischen Landgüter und Höfe gut verteidigen können, doch die Überfälle wurden immer mehr, und sie erfolgten in immer kürzeren Abständen. Oft genug kamen die römischen Truppen zu spät. Das rief andere Kriegsherren auf den Plan, und sie fanden immer mehr Gefolgsleute. "Ich weiß, mein Junge", sagte er, "ich weiß. Dauernd sind Truppen vom Rhein an anderen Fronten unterwegs, zumal jetzt, wo an der unteren Donau die Goten in römisches Gebiet eingefallen sind. Das kann nicht gut gehen. Und der Kaiser? Er ist durch Gewalt an die Macht gekommen; ich fürchte, er wird auch durch Gewalt enden. Vielleicht gibt es irgendwann hier wieder Frieden, aber ich werde es wohl nicht mehr erleben." Nun schaute Vitus ihn erschrocken an. "Sei nicht traurig", beruhigte ihn Finno, "ich bin Fructo so dankbar, dass er mich und Puella damals aufgenommen hat, und dass ich Dich und Florens aufwachsen sehen konnte. Und einen Wunsch hätte ich schon noch: Ich möchte noch erleben, dass Ihr beide heiratet und eine Familie gründet. Dann wüsste ich, dass unser Leben hier weitergeht."

Finno sollte Recht behalten. Maximus Thrax führte seine ganze Regierungszeit durch Krieg und wurde am Ende von Soldaten ermordet. Aufstände und Bürgerkriege folgten. Am Ende setzte sich Gordian III. (238-244) durch. Doch auch seine Regierungszeit war von Abwehrschlachten gegen die Goten und Sassaniden geprägt. Der Kaiser begab sich in den Osten; wieder wurden Truppen vom Rhein abgezogen und auch Einheiten der Bonner Legion, nun legio I Minervia Gordiana, zogen mit. Nach ersten Erfolgen erlitten die Römer 244 eine schwere Niederlage. Schließlich kam 253 Gallienus als Mitkaiser seines Vaters Valerian auf den Thron, er sollte die Verteidigung des Westens übernehmen, und ein wenig Ruhe schien einzukehren.

Petronius Alutensis (um 256)

Endlich konnten sich Vitus und Florenz von ihrem aktiven Dienst verabschieden, standen aber als ständige Reserve zur Verfügung. Endlich war auch Zeit für Privates. Vitus heiratete Cicilla aus Florens' Familie, und auch Florens hatte seine Liebe gefunden. Finno war außer sich vor Freude. Niemand wusste, wie alt er inzwischen war, auf jeden Fall uralt. Einige Wochen später starb er mit einem Lächeln auf dem Gesicht im Kreis der Familie, die ihn adoptiert hatte.

Dann geriet die Ostgrenze des Reiches völlig ins Wanken. 252-256 stießen die Sassaniden in einer Großoffensive nach Mesopotamien, Armenien und Syrien vor. Wichtige Grenzstädte wie Dura Epopos am Euphrat fielen an die Feinde. Wieder musste Kaiser Gallienus Truppen vom Rhein abziehen, um das Heer Valerians im Osten zu stärken.

Unter den Legionären der I Minervia waren auch Männer, die ihre Wurzeln im Osten des Reiches hatten. Seit dem Parther-Krieg zogen zunehmend Menschen aus dem Osten her, oder sie waren vor Ort für die Legion rekrutiert worden. So wie der Großvater von Petronius, er war aus Armenien an den Rhein gekommen. Nach seiner aktiven Zeit in der Legion hatte er eine Einheimische geheiratet. Auch wenn Bonn keine so große Stadt wie die CCAA war, so fand er hier ein bunt gemischtes Völkchen vor, was ihm gut gefiel. Sein Sohn und sein Enkel waren am Rhein geboren worden.

Petronius war oft in der "Villa Alaudae" bei Vitus und seiner Familie zu Gast. Dann fragten ihn die Kinder regelmäßig aus, was er sich gerne und geduldig gefallen ließ. Als feststand, dass Truppen von der Rheinfront an die Ostgrenze verlagert würden, hatte sich Petronius selbst gemeldet. "Natürlich fällt es mir schwer, von hier weg zu gehen", sagte er, "aber ich möchte auch einmal die Welt meines Großvaters kennenlernen." "Sind die Berge dort in Armenien wirklich so hoch?" wollte der kleine Vitillus wissen. "Ja, sehr hoch", antwortete Petronius lächelnd. "Höher als die dort drüben?" hakte der Kleine nach, mit einer ausladenden Handbewegung auf die Sieben Berge drüben auf der anderen Rheinseite. Da lachte Petronius herzlich. "Viel viel höher", sagte er, "so hoch, dass sie in die Wolken hineinreichen!"

Bewegt nahmen viele kleine und große Einwohner des Städtchens Bonn Abschied von Petronius. Keiner wusste, ob man ihn wiedersehen würde.

Bildnachweis

Das Bild von Kaiser Maximinus Thrax stammt aus der deutschen Wikipedia, public domain section.