Die Zeit der guten Kaiser

Die Zeit der guten Kaiser

Germania Inferior, zur Zeit der Kaiser Trajan und Hadrian

Was bisher geschah ..

Germania Inferior und Germania Superior waren römische Provinzen; auf der rechten Seite entstand der Obergermanisch-Rätische Limes. In Bonn war nun die legio I Minervia stationiert. Kaiser Trajan (98-117) hatte einen gewaltigen Feldzug gegen die Daker unternommen und sie schließlich vernichtend geschlagen. Auch die germanischen Legionen I Minervia und XXX Ulpia Victrix waren beteiligt gewesen.

Die erste Generation unserer Familie, Aliter und Pumella Pulchra in Bonn sowie Aliters Halbbruder Nativo in Mailand, lebten nicht mehr. Alle hatten noch die Rückkehr Fortiters aus der Armee und seine Heirat in Nativos Familie in Augst erleben dürfen. Rubeus, Offizier in der Hafen-kommandatur in Bonn, und seine Frau Nauticula lebten mit ihren Kindern Rubeus Minor und Nauticula Minor in der "Villa Alaudae". Nach dem Ende des schrecklichen Daker-Kriegs konnten Nauticula Minor und der Offizier Uvius Pino von der legio I Minervia endlich heiraten.

Ubi Ubi, ibi Gustatio (um 110)

Während Kaiser Trajan, der Eroberer, weit im Osten des Reiches gegen die Parther zog, herrschte am Rhein und an der Donau Frieden. Fortiters Sohn war es vergönnt, in dieser Zeit zu leben. Eigentlich hieß er nach seinem Vater Fortiter Minor, aber da er überall unterwegs war, nannte man ihn bald "Ubiscumquus" oder kurz "Ubi". Auch er ging in seinem Geschäft auf und freute sich jedes Mal über die glücklichen Gesichter, wenn er seine Waren ablieferte. Wenn ihm die Segnung zuteil geworden war, den Rhein und die Donau zu einer Zeit des Friedens zu befahren, so dachte er, dann wollte er möglichst viele Menschen an dieser Segnung teilhaben lassen. Bald hieß es an vielen Orten: "Ubi Ubi, ibi gustatio" - "Wo Ubi ist, da sind auch Leckereien."

Dann spornte ihn noch mehr an. Vom heimischen Augst aus waren der Rhein und die Donau nicht weit. Wie früher Lucius Olivifer Nativo belieferte er die "Villa Alaudae" in Bonn und fuhr dann weiter rheinabwärts zur CCAA, Xanten und Nimwegen, wo er einige Tage bei seinem Cousin Rubeus Minor verbrachte. Bis an die Mündung des Rheins waren die beiden gefahren, und hätte es nicht so gestürmt, wäre er am liebsten noch nach Britannien übergesetzt.

Auch zum rechtsrheinischen Germanien gab es Beziehungen. Der Limes war keine undurchlässige Grenze, mit der sich das Römische Reich abschottete - solange sich germanische Händler ordnungsgemäß an den Wachtürmen anmeldeten und die Zollabgaben leisteten, durften sie im römischen Reich ihre Waren anbieten, u.a. Vieh, Schinken, Felle, Bernstein, Seifen, Haare, und Honig. Dann trafen sich Soldaten und Zivilisten, Römer und Germanen und es herrschte reger Betrieb. Honig mochte Ubi ganz besonders gerne, und den musste er immer mitbringen.

Oft fuhr er auch die Donau hinab zum Legionslager Vindobona (Wien) in Pannonia Superior. Er mochte diesen Ort direkt an Donau. Da die Sicherung der langen Donaugrenze immer wichtiger wurde, baute man Vindobona zu einem logistischen Zentrum für die Donau-Armee aus. Kaiser Trajan gab Order, die Rheingrenze weiter zu befestigen, damit er Truppen vom Rhein an die Donau verlegen konnte. Schließlich kam die legio X Gemina von Nimwegen nach Vindobona. Schmunzelnd hatte Ubiscumquus die Legionäre betrachtet, wie sie nach getaner Arbeit in die Tavernen strömten und sich bei gutem Wetter einen Tisch draußen sicherten. Er wusste ja von seinem Cousin Rubeus Minor, wie wenig die Männer aus dem Süden das raue Wetter oben in Germania Inferior mochten - Pannonien war schon angenehmer für sie. Ubis Frau begleitete ihn oft. Sie wollte nicht ewig daheim in Augst auf ihn warten, während er den Rhein und die Donau bereiste. So kam es, dass sein Sohn Verenatus in an einem herrlichen Frühlingstag an der Donau auf die Welt kam.

Bonn - ein schmuckes Städtchen am Rhein (um 120)

Uvius Pino und Nauticula Minor bekamen drei Kinder, den Sohn Nautianus und die Töchter Lenticula und Fabicula. Uvius Pino nannte sie liebevoll seine "Legio Mama Victrix".

Bonn lag an der römischen Rheintalstraße , die am Rhein entlang von der CCAA über Bonn nach Koblenz und weiter nach Germania Superior führte. Das Städtchen blühte auf und bot bald allen Komfort. Im Zentrum gab es einen großen öffentlichen Platz, dazu Badegebäude, Tempel und sogar ein großes öffentliches Bad. Entlang der Rheintalstraße und ihrer Nebenstraßen lagen die römischen Häuser. Zumeist waren es lange, schmale Streifenhäusermit Steinsockel und Wänden in Fachwerkbau. Viele Häuser hatten zur Straße hin kleine Verkaufsläden, oder Werkstätten, dahinter lagen die Wohnräume.

Germanische Hilfstruppen in Dakien (um 120)

Auch Ubi kam oft und gerne nach Bonn, und wenn er konnte, blieb er einige Tage bei seiner Cousine Nauticula Minor und ihrer Familie. Als sein Söhnchen alt genug war, nahm er ihn manchmal mit. Dann tobte Verenatus mit Uvius Pinos und Nauticulas Kindern durch die "Villa Alaudae".

Er mochte auch Uvius Pino gerne und es imponierte ihm, dass der seinen Geburtsort Vindobona an der Donau kannte. Immer wieder bat er ihn, von der Donau zu erzählen, vor allem wollte er wissen, was hinter Vindobona käme. Uvius Pino aber brachte es nicht übers Herz, ihm zu erzählen, dass ein grausamer Krieg ihn an die untere Donau gebracht hatte. So sagte er nur: "Weißt Du, hinter Vindobona kommt Aquincum (Budapest), das ist beides in Pannonien, und dann beginnt schon die Provinz Moesien, hier fließt die Donau in das Schwarze Meer. Und ganz weit weg, jenseits von Moesien auf dem anderen Donauufer, liegt Dakien. Vielleicht wirst Du in einigen Jahren, wenn Du größer bist, einmal mit Deinem Vater hinfahren. Das würde mich freuen, denn dann könntet Ihr unseren germanischen Hilfstruppen dort, die so weit weg von ihrer Heimat ihren Dienst tut, etwas Leckeres mitbringen."

Auch drei Legionen standen in Dakien. Eine solche Konzentration römischer Militärmacht bedeutete, dass man hier mit weiteren Kämpfen rechnete. Seit einigen Jahren standen auch ubische und batavische Hilfstruppen in Dakien. Pino kannte viele ubischen Soldaten, sie waren in die "Villa Alaudae" gekommen und hatten sich von ihm, dem Veteranen des Dakerfeldzugs, Rat geholt. Für diese jungen Männer war der lange Dienst bei den Hilfstruppen ein Weg, regelmäßig Sold zu beziehen und für sich und ihre Nachkommen das römische Bürgerrecht zu erwerben. Uvius Pino wusste, dass in den Kämpfen an der Grenze die Hilfstruppen an vorderster Front standen, und auch wenn ihn die Erinnerungen an den Dakerkrieg immer noch schmerzten, wollte er ihnen möglichst viel von seinen Erfahrungen und Kenntnissen mit auf den Weg geben.

Doch dem Jungen gegenüber behielt er all dies für sich. Er wünschte ihm und seinen Kindern aus tiefstem Herzen, dass sie Krieg nie erfahren müssten. So sagte er nur: "Ja wirklich, das wäre schön. Etwas Leckeres aus der Heimat, und vielleicht könnt Ihr auch Briefe mitnehmen. Dakien ist wirklich sehr weit weg."

Kaiser Hadrian am Rhein (121)

Auf Kaiser Trajan folgte Hadrian, unter dessen Kommando die legio I Minervia im zweiten Dakerkrieg gekämpft hatte. Hadrian bereiste alle Provinzen und kam auch an den Rhein. Der Besuch des Kaisers war ein großes Ereignis. Viele Bonner standen am Rhein und winkten, als die Flotte des Kaisers vorbei fuhr. Unter ihnen waren auch Uvius Pino, Nauticula Minor und ihre Kinder.

In der CCAA würde es sicher Festlichkeiten geben. Die Hauptstadt von Germania Inferior war inzwischen eine antike Weltstadt mit prächtigen Repräsentationsge-bäuden und einer gewaltigen Stadtmauer, die mit Steinen vom Drachenfels gebaut worden war. Die CCAA hatte auch ein Amphitheater, doch für ihn, Uvius Pino, war das nichts. Er verabscheute die blutigen Gladiatorenkämpfe und Tierhatzen zutiefst. Viele seiner Landsleute schauten ihn deshalb verständnislos an, doch niemand wagte eine Bemerkung. Man wusste um seine Leistungen als Centurio, und nie hatte er von seinen Leuten mehr verlangt als von sich selbst. Auch als Veteran hatte er seine Verdienste: Drüben bei den Steinbrüchen am Drachenfels hatte er einmal blitzschnell reagiert und mit einem gewaltigen Satz gleich zwei Männer zu Boden gerissen, als sich ein Block aus der Befestigung gelöst hatte und auf sie zugerast war. Die Männer hatten blaue Flecken, doch der Steinblock war an ihnen vorbei gerast. Nein, Uvius Pino musste niemandem etwas beweisen.

Sein Sohn war fasziniert von der Rheinflotte. Das wunderte den Vater nicht, denn mütterlicherseits stammte er aus einer Schiffsführerfamilie, und er selbst war in Bordeaux, einer Hafenstadt aufgewachsen. Uvius Pino hoffte inständig für seinen Sohn, dass ihm schlimme Kriegseinsätze erspart bleiben würden. Vielleicht konnte er dazu beitragen, in einer Zeit des Friedens das Aufblühen der germanischen Provinzen mitzugestalten.

Frieden .. am Abend legte Pino vor dem Weihestein der Aufanischen Mütter in seinem Peristyl einige Äpfel nieder. Hier an der Rheingrenze war Frieden und sein kleines Bonn blühte auf. Doch im Osten des riesigen Reiches, in Judäa, brodelte es, bald würde auch Kaiser Hadrian einen erbitterten, grausamen Krieg führen.

Legio I Minervia in Britannien (um 122)

Kaiser Hadrian entschied, anstelle weiterer Eroberungen die bestehenden Grenzen zu sichern. Er inspizierte alles genau und ließ die Rheingrenze weiter verstärken. Von Germania Inferior aus zog würde er weiter nach Britannien ziehen; dort ließ er gerade einen gigantischen Grenzwall errichten.

Die Neusser legio VI Victrix würde mit ihm ziehen und auch eine Abordnung der legio I Minervia hatte Order bekommen, ihn zu begleiten. Unter ihnen war Lucianus, der mit Uvius Pinos Familie befreundet war und sie oft in der "Villa Alaudae" besucht hatte. Nun kam er noch einmal zu einem Abschiedsbesuch. "Wir gehen ans nördliche Ende der römischen Welt", sagte er, "einige meinen, dass hinter dem Nebel, dem Wald und dem Moor die Welt aufhört, aber das hat man ja vor einiger Zeit auch von Germanien behauptet, und nun leben wir hier glücklich. Lass' es ruhig ein bisschen regnen und stürmen; mir wird schon nichts passieren. Aber Ihr und Eure gute Küche werdet mir in Britannien arg fehlen." Pino schmunzelte und schenkte ihm noch einmal Wein nach. "Wie lange werdet Ihr bleiben?" fragte er. "Nun, die VI Victrix ist ganz nach Eburacum, auf einheimisch York, versetzt worden", antwortete Lucianus, "der Kaiser braucht Verstärkung an der Nordgrenze. Dort kommt es immer wieder zu Gefechten mit den einheimischen Stämmen, den Briganten und weiter nördlich den Pikten. Die legio VIIII Hispana soll dabei untergegangen ist, aber wir wissen nichts Genaues, und ich will es auch nicht glauben. Aber der Kaiser lässt nun einen massiven Grenzwall bauen, dazu braucht er mehr Männer, und da wir viel Expertise haben, sollen auch unsere Fachleute mit." Uvius Pinos Familie verabschiedete ihn herzlich, sie alle würden ihn vermissen. Beim Hinausgehen rief ihm Lenticula noch nach, dass es bei seiner Rückkehr sein Lieblingsgericht geben würde.

Exercitus Germaniae Inferioris (um 122)

Ein Jahr später kam eine neue Legion, die legio XXX Ulpia Victrix, nach Xanten. Sie war von Kaiser Trajan, mit vollem Name C. Ulpius Traianus, für seinen Krieg gegen die Daker ausgehoben worden und nach ihm benannt. Fortan würde sie in enger Zusammenarbeit mit ihrer Schwesterlegion, der I Minervia in Bonn, das nieder-germanische Heer (Exercitus Germaniae Inferioris) bilden. Schnell sprach sich auch bei den Männern der XXX Ulpia Victrix herum, dass es in der "Villa Alaudae" in Bonn hervorragende Oliven und Olivenöl gab, und dass ihr Name an die frühere Xantener Legion V Alaudae erinnerte. Auch Generationen später waren der Tod der Legionäre und die Zerstörung des alten Lagers ein Trauma für die Römer. Man hatte ein neues Legionslager, mit lateinischem Namen Vetera II, erbaut. In seiner Nähe war eine neue Stadt Xanten entstanden, die Trajan zu einer Kolonie römischen Rechts, der Colonia Ulpia Traiana (CUT), erhoben hatte.

Oft kamen Offizieren der XXX Ulpia Victrix nach den Stabsbesprechungen ins kleine Ladenlokal der "Villa Alaudae", aßen etwas und unterhielten sich mit Uvius Pino. Gewiss mussten sie weiter die Rheingrenze sichern, doch in dieser Zeit des Friedens konnten man Bauprojekte in ganz Germania Inferior planen - von Voorburg im Norden, fast schon bei der Mündung des Rheins in die Nordsee, bis hinunter nach Remagen, ganz im Süden an der Grenze zu Germania Superior. Ein dicker Offizier der XXX Ulpia Victrix strahlte, als er eines Abends ankündigte, dass Xanten ein prächtiges Forum erhalten sollte. Auch Uvius Pino lächelte - gegenüber am Drachenfels gab es die richtigen Steine dafür.

In der Eifel, im Brohltal und am Drachenfels wurden Steine gebrochen; auch Abordnungen der legio I Minervia arbeiteten oft in den Steinbrüchen. Nun würde der Veteran Uvius Pino drüben am Drachenfels einen Stand aufbauen und die Kost der Mannschaften aufbessern. "Wie Onkel Aliter früher", sagte seine hochbetagte Schwiegermutter Nauticula, und dabei strahlte sie über das ganze Gesicht.

Frumentarii und die "Legio Mama Victrix" (um 130)

Kaiser Hadrian hatte auch merkwürdige Seiten. Seiner Meinung nach ließen es sich die Grenztruppen zu gut gehen; es hieß, dass ihm besonders die Gärten ein Dorn im Auge wären. "Dabei lässt sich der Kaiser in Rom eine herrliche Villa bauen", dachte Uvius Pino, "im Daker-Krieg war er unser Kommandant, er kennt uns und weiß, dass wir fähig sind." Leider wurde der Kaiser auch immer misstrauischer. Schließlich ließ er seine Spione, die Frumentarii, alles und jeden bespitzeln. Eigentlich waren die Frumentarii für die Versorgung der Truppen mit Lebensmittel zuständig, aber nach und nach hatte sich auch diese Nebenbeschäftigung entwickelt. Leider gab es solche Leute auch in Bonn. Da war Gaius Discordans, ein Centurio der legio I Minervia, der sich immer wieder übergangen fühlte und darauf sann, sich hervorzutun. Wenn sich der Kaiser in Rom schon an den Gärten hier am Rhein störte, überlegte er, dann würde es ihn ganz bestimmt empören, dass die Leute der "Villa Alaudae" die Arbeitstrupps in den Steinbrüchen sogar vor Ort verköstigten.

Ein ums andere Mal kam er in die "Villa Alaudae" und tat so, als wenn er die feinsten Oliven und das feinste Olivenöl kaufen wollte. Natürlich speiste ein hochgestellter Römer nicht in der Garküche, und in Anbetracht seiner Position fühlten sich Uvius Pino und Nauticula Minor verpflichtet, ihn standesgemäß zu bewirten. Schon bald spürten sie, wie Unbehagen in ihnen aufstieg. Bei einem weiteren Besuch sah Discordans die Amphoren und Körbe, die für den Transport zum Drachenfels am nächsten Morgen bereitstanden, und erkundigten sie eingehend danach. Jetzt hatten sie Gewissheit. "Wir müssen aufpassen, da stimmt was nicht", raunte Uvius Pino seiner Frau leise zu, als Discordans gerade nach seiner Sänfte schickte.

Auch ihre Kinder hatten Discordans gleich misstraut und ihn im Auge behalten. Diese letzte Bemerkung ihres Vaters hatten sie gehört. "Kommt", sagte Nautianus zu seinen Schwestern. Schnell machte er sich an den Amphoren zu schaffen und achtete darauf, dass Discordans ihn beim Verlassen des Hauses dabei sah. "Du bist der Sohn, nicht?" fragte der gönnerhaft. Nautianus nickte und sagte eifrig: "Ja, wir bereiten alles vor, damit es morgen schnell geht." Bevor sie zu Bett gingen, schlichen sich Lenticula und Fabicula in die Nähe der Amphoren und Körbe und vergruben dort einige Knochen für die Familienhunde Gioia und Gaudio, und zwar so, dass die beiden es mitbekamen. Dann gingen sie zurück in ihr Schlafzimmer.

Mitten in der Nacht riss sie Gebell aus dem Schlaf. Die Schwestern liefen ans Fenster: Da waren Gioia und Gaudio, die eine schemenhafte Gestalt anbellten. Schon kam ihr Bruder mit einer Laterne und hob sie an - da stand Discordans, der sich eine Amphore schnappen wollte als Beweis, dass die "Villa Alaudae" entgegen den Wünschen des Kaisers die Soldaten verweichlichte. Er wollte sich schnell wegschleichen, doch ihr Vater und einigen Männer waren schon herangeeilt und versperrten den Weg. "So", sagte Uvius Pino streng, "Du hast also gedacht, dass Du uns mit dieser Amphore anschwärzen kannst. Lass' Dir eines gesagt sein – die Männer, die dort drüben am Drachenfels Steine brechen, arbeiten verdammt hart für Germania Inferior! So ist die Stadtmauer der CCAA entstanden, unser Lager, das Forum in Xanten und viel mehr! Und nun verschwinde!"

Discordans kam nie wieder in die Villa Alaudae - die Schande, dass er sich von Kindern hatte hereinlegen lassen, war zu groß. Uvius Pino hingegen platzte vor Stolz über seine "Legio Mama Victrix".

Die Rheinflotte im Frieden (um 150)

Entlang des Rheins lebten einheimische Germanen, Kelten und zugezogene Römer aus dem Mittelmeerraum. All diese Menschen waren zusammengewachsen und entwickelten ihre eigene Identität - nicht nur als zugezogene oder romanisierte Germanen und Gallier, sondern als selbstbewusste Einwohner von Germania Inferior und Germania Superior.

Nautianus war nun Offizier der Rheinflotte, der Classis Germanica, und war die meiste Zeit auf einer Flussliburne unterwegs. Er hatte ein instinktives Verständnis für sein Schiff und die Gewässer und war so auch für die Schiffsbauer und Segelmacher in der Flottenbasis eine große Hilfe. Rheinabwärts ging es von Bonn über die CCAA, die Hauptstadt von Germania Inferior und Weltstadt am Rhein, das Legionslager und die prächtig ausgebaute Stadt Xanten, lateinisch Colonia Ulpia Traiana, bis hinauf in den Norden, wo sein Onkel Rubeus Minor mit seiner Familie lebte. Rheinaufwärts nach Remagen, Koblenz, Mainz, die Hauptstadt von Germania Superior mit dem Lager der legio XXII Primigenia, und Straßburg, wo die legio VIII Augusta stationiert war.

In Friedenszeiten gehörte der Transport von Baumaterial aus den Steinbrüchen zu den Hauptaufgaben der Flotte, und oft zogen Arbeitskommandos der Classis Germanica aus, Steine zu holen. So kam Nautianus in dienstlicher Mission oft an den Drachenfels. Noch immer betrieb seine Familie dort bei den Steinbrüchen ihren Verpflegungsstand. Als kleiner Junge hatte er geholfen, und wenn er heute als Flottenoffizier mit seinen Leuten unterhalb der Steinbrüche anlegte, ging er selbst sich etwas holen. Heute war seine große Schwester Lenticula Chefin der "Villa Alaudae", und sie machte das prima. Lenticula hatte den Offizier Lucianus geheiratet, der nach seinem Einsatz in Britannien zurück in Bonn war. Bei den beiden war der Familienbetrieb in den allerbesten Händen.

Nautianus selbst hatte vor kurzem geheiratet. Die Dienstzeit der Flottenoffiziere war noch länger als die der Legionäre, und so sehr er sein heimatliches Bonn und die "Villa Alaudae" auch liebte, wollte er auch als Veteran nicht nur an Land bleiben, dafür liebte er das Leben auf dem Rhein zu sehr. Als wenn er es gewusst hätte, schenkte der Rhein ihm schließlich seine Frau: Anike, ein junge Frau aus dem Norden Germania Inferiors, die er bei einem Besuch bei seinem Onkel Rubeus Minor in Nimwegen kennengelernt hatte. Ihr ging es wie ihm, sie liebte ihre Heimat und auch die ihres Mannes, und so pendelten sie zwischen Nimwegen und Bonn hin und her. Wenn Anike in der "Villa Alaudae" war, bereitete sie ein ganz besonderes Gebäck zu - kleine Kügelchen, die sie Pofertiuli nannte. Bald waren sie eine weitere Attraktion der "Villa Alaudae".

Ganz im Süden von Nautianus' Route lag Augst, wo die Niederlassung des Handelshauses Olivifer zuhause war. Oft legte er seine Urlaubstage so, dass er einige Tage dort verbringen konnte, denn seit einiger Zeit lebte auch seine kleine Schwester Fabicula hier; sie hatte Verenatus, den Freund aus Kindertagen, geheiratet.

Noch immer hatte die "Legio Mama Victrix" eine enge Beziehung zueinander. Heute halfen sie den zahlreichen ubischen und batavischen Hilfstruppen an der unteren Donau, die Verbindung in ihre Heimat aufrecht zu halten. Lenticula in Bonn nahm Post der Angehörigen entgegen, Fabicula organisierte den Transport zwischen Bonn und Augst, auch Nautianus nahm wann immer es ging Sendungen mit. In Augst wurden die Sendungen auf ein Schiff der Donauroute des Handelshauses Olivifer gebracht, und in Viminacium an der unteren Donau übernahm ein zuverlässiger Handelspartner den Transport weiter nach Dakien hinein.

Uvius Pino und Nauticula Minor, ihre inzwischen hochbetagten Eltern, waren überglücklich.

Bildnachweis

Das Bild von Kaiser Hadrian stammt aus der deutschen Wikipedia, public domain section.