Vierkaiserjahr und Bataver-Aufstand

Gegen Ende der Regierungszeit Kaiser Neros an der Rheingrenze.

Was bisher geschah ..

In der frühen Kaiserzeit festigte sich die römische Herrschaft am Rhein. Kaiser Claudius (41-54) erhob die Ubierstadt "Oppidum Ubiorum" auf Drängen seiner Frau Agrippina zu einer Stadt römischen Rechts, der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, kurz CCAA. Sie brachte den Kaiser auch dazu, ihren Sohn Nero (54-68), als Nachfolger einzusetzen. Am Drachenfels brachen die Römer Steine, u.a. für den Bau einer Stadtmauer um die CCAA.

Aliter, nun Veteran der legio I Germania, und seine Frau Pumella Pulchra hatten zwei Söhne, Fortiter und Rubeus, und die Pflegetochter Nauticula. Fortiter war in die Bonner legio I Germanica eingetreten, Rubeus lernte in der Hafenkommandatur. Auch als Veteran kümmerte sich Aliter um seine Kameraden; ein besonderes Anliegen war ihm die Versorgung der Arbeitstrupps in den Steinbrüchen am Drachenfels. Lucius Olivifer Nativo hatte das Handelsgeschäft seines Vaters übernommen und den Handel nach Germania Superior und Germania Inferior ausgedehnt, er kam häufig nach Bonn. Auch er war Familienvater, sein ältester Sohn würde das Stammhaus in Mailand übernehmen; seine Tochter Poesina hatte einen Handels-partner in Augst geheiratet und leitete nun mit die Niederlassung des Handelshauses Olivifer dort.

Machtkampf in Rom (68/69)

Im Jahre 68 geriet das Römische Reich in eine Staatskrise. Kaiser Nero (54-68) war zu einem Tyrannen geworden, hatte seine Mutter Agrippina ermorden lassen, und wenige Jahre zuvor waren große Teile Roms in Flammen aufgegangen. Es kam zu einem Aufstand in Gallien gegen Nero, um den Statthalter von Hispanien, Servicius Sulpicius Galba, auf den Thron zu bringen. Die Rheinlegionen schlugen den Aufstand nieder; doch in Rom zwang der Senat Nero zum Selbstmord und erhob Galba zum neuen Kaiser. Ausgerechnet Galba, den die Rheinlegionen gerade erst bekämpft hatten. Nun verweigerte er ihnen nicht nur die üblichen Geschenke, sondern machte aus seinem Misstrauen kein Hehl. Er entließ die kaiserliche Leibwache aus Batavern, was eine Beleidigung für den ganzen Stamm war, und ließ den Bruder ihres Kommandeurs Civilis zu Unrecht hinrichten. In Germanien setzte er sogleich einen neuen Statthalter ein, Aulus Vitellius.

Aufmerksame Beobachter am Rhein spürten die zunehmende Spannung. Als Nativo in diesem Sommer wieder kam, war auch er bedrückt. Lange blieb er bei seinem Halbbruder, dann machte er noch einmal eine Reise über die CCAA, Neuss, Xanten bis ins Bataverland und zurück nach Bonn. "Ein alter Soldat der legio V Alaudae in Xanten hat mir seine Ersparnisse anvertraut", sagte er zu Aliter, "er rechnet mit einem Krieg. Sollte ich ihn nicht mehr wiedersehen, soll ich das Geld in seinem Sinn verwenden. Es ist tragisch. Die V Alaudae war von Anfang an hier am Rhein, dieser Mann wurde sogar hier geboren. Er war nie in Rom, noch nicht einmal in Italien - und doch gilt er hier als Feind.

Der alte Legionär sollte Recht behalten. Im Januar 69 riefen die Rheinlegionen Vitellius zum Kaiser aus. Der marschierte mit einem großen Teil seiner Truppen nach Italien; mit dabei waren auch Aliters junger Sohn Fortiter und andere Soldaten der legio I Germanica. In Rom war inzwischen Galba ermordet und Marcus Salvius Otho zum neuen Kaiser ausgerufen wurden. Vitellius' Truppen besiegten Othos und erreichten Rom. Dort glaubte er sich am Ziel und schickte den Großteil seiner Truppen zurück an den Rhein. Doch ein halbes Jahr später riefen die Truppen im Osten des Reiches den Kommandanten in Judäa, Vespasian, zum Kaiser aus. Der Bürgerkrieg ging weiter.

Vitellius rief seine Truppen wieder nach Rom und forderte Verstärkung durch die Rheinlegionen an. Doch sein Kommandant in Mainz, Flaccus, lehnte ab, da die Rheingrenze ohnehin kaum geschützt war. Daraufhin befahl ihm Vitellius, unter den Batavern weitere Truppen auszuheben. "Und dass nur, damit sie einem römischen Kaiser und Besatzer gegen einen anderen helfen", dachte Aliter. Schon jetzt hatte fast jede batavische Familie mindestens ein Familienmitglied in der römischen Armee. Er war Soldat, aber auch Vater eines Soldaten.

Bataver-Aufstand (69/70)

Die römischen Rekrutierer bedrängten und drangsalierten die Bataver so sehr, dass es zum Aufstand kam. An die Spitze setzte sich Iulius Civilis, ein batavischer Adliger und römischer Bürger, der viele Jahre in römischem Heer gekämpft hatte. Zusammen mit dem Nachbarstamm der Cannanefates eroberten die Bataver die nur schwach bewachten römischen Einrichtungen und besiegten kurz darauf ein römisches Entsatzheer. Zudem hatte Civilis einen Brief von Vespasian erhalten, in dem dieser seinen Aufstand unterstützte - schließlich waren so die Vitellius-treuen Rheinlegionen in Germanien gebunden.

Nach Vespasians Sieg hätten die Bataver und ihre Verbündeten in Frieden und Freiheit leben können. Doch Civilis dachte nicht an Frieden, sondern trug den Krieg tiefer ins Römische Reich hinein: Im September 69 griff er mit seinen Truppen das Legionslager Xanten an und ließ Städte in Germania Inferior und Gallia Belgica plündern. Ihm muss klar gewesen sein, dass dies kein römischer Kaiser hinnehmen konnte, auch Vespasian nicht. Vermutlich fühlte er sich sicher, denn große Teile der Rheinlegionen kämpften im Bürgerkrieg in Italien. Civilis hingegen hatte Unterstützung bekommen: die Brukterer und Tenkterer auf der rechten Rheinseite, alte Feinde Roms, und Vitellius' batavische Hilfstruppen waren zu ihm gestoßen. Im Oktober 69 zog ein römisches Heer mit den Legionen XVI Gallica und XV Primigenia los, um Xanten zu befreien. Auch die in Bonn verbliebenen Soldaten der legio I Germanica zogen mit.

Aliter war tief besorgt. Gerade jetzt, wo sein Leben so glücklich war, geriet alles ins Wanken. Wenn es nicht bald gelänge, Xanten zu befreien und den Aufstand glimpflich zu beenden, würden die Folgen für Germania Inferior und vielleicht auch Germania Superior verheerend sein. Dann kam aus Rom die Nachricht, dass Vespasians Truppen in Italien standen. Das brachte die Rheinlegionen in dieselbe Situation wie im Jahr zuvor, als sie im Dienste Kaiser Neros den Aufstand zugunsten Galbas niedergeschlagen hatten - doch dann war ausgerechnet Galba Kaiser geworden. Nun waren sie dabei, für ihren Kaiser Vitellius den Aufstand der Bataver niederzuschlagen, deren Anführer ein Unterstützer Vespasians zu sein schien. Man entschied abzuwarten; bevor das Entsatzheer Xanten erreichte, blieb es in Gelduba (Krefeld) stehen. Dann griff Civilis seinerseits das römische Heer an. Die Römer siegten und konnten die Belagerung von Xanten aufheben, doch auch sie hatten schwere Verluste.

Als die Männer im Legionslager Xanten gerade aufatmeten, kamen beunruhigende Nachrichten aus Germania Superior: Die Chatten und die Usipeter hatten den Rhein überschritten, plünderten linksrheinisches Gebiet und bedrohten Mainz. Aliter war gleich klar: Mainz und Germania Superior waren für Rom ungleich wichtiger war als Germania Inferior. Er lag richtig: Flaccus ließ Xanten mit Proviant, aber unterbesetzt zurück, und zog mit der Truppe nach Süden.

Auch aus Rom kamen schlechte Nachrichten: Im November 69 hatte Vespasian gesiegt, und Vitellius war in Rom ermordet worden. Nun schwuren die Offiziere Vespasian die Treue, die meisten ihrer Soldaten aber taten es nur gezwungenermaßen. Als Flaccus dann auch noch im Namen von Vespasian Geld verteilen ließ, wurde er von erbosten Soldaten umgebracht. Sein General Vocula entkam mit knapper Not. Wenig später konnte Vocula mit den Legionen I Germanica, IIII Mace-donica und XXII Primigenia die Belagerung von Mainz beenden.

Nun, da Vespasian gesiegt hatte und Römer und Bataver demselben Kaiser dienten, hätte Civilis Frieden schließen können. Doch im März 70 griffen seine Truppen das unterbesetzte Legionslager Xanten erneut an.In Mainz ließ Vocula die Legionen IIII Macedonica und XXII Primigenia zum Schutz der Stadt zurück und machte sich mit den anderen auf den Weg nach Xanten. Doch auf dem Weg erreichten ihn Nachrichten von einem Aufstand in Gallien, und er ließ in Neuss haltmachen. Während die Legionen in Neuss lagerten, rückten die Heere der Aufständischen immer näher. Schließlich desertierten die Legionäre der I Germanica und XVI Gallica, ermordeten Vocula und leisteten den Treueeid auf ein Gallisches Reich.

Für die eingeschlossenen Soldaten der Legionen XV Primigenia und V Alaudae in Xanten war die Lage nun aussichtlos, sie ergaben sich. Civilis hatte zugesagt, ihr Leben zu verschonen, doch als sie waffenlos aus dem Lager marschierten, wurden sie niedergemacht. Das Lager wurde geplündert und in Brand gesteckt.

Raubzüge ins Rheinland (69/70)

Aliter in Bonn war erschüttert. Zwei Legionen waren umgekommen, zwei andere, unter ihnen seine eigene I Germanica, hatten die Seite gewechselt. Auch die Flotte hatte nichts ausrichten können. Nun gab es kein Halten mehr: Raubzüge gegen die romanisierten Stämme in Nordgallien und Germania Inferior folgten, das ganze Rheinland wurde verheert. Auch die CCAA wurde erobert, hier schlug Civilis' sein Hauptquartier auf. Bald würden die Aufständischen auch über Bonn hereinbrechen, das konnten Aliter und die wenigen Veteranen nicht verhindern. Im Gegenteil, nun da seine legio I Germanica ihnen Treue geschworen hatte, würde ihm jede Aktion gegen sie als Verrat ausgelegt werden.

Vor allem musste er seine Familie in Sicherheit bringen und schickte sie zu ubischen Verwandten seiner Frau in die CCAA. Er wusste, dass Civilis der CCAA und den Ubiern dort etwas schuldete, denn diese hatten seinen Sohn geschützt, als die Römer seinen Tod verlangten. Natürlich wollte Aliters Familie nicht fortgehen, schon gar nicht ohne ihn, doch er bestand darauf. Viele Bataver kämpften um ihre Ehre und ihre Freiheit, die Aufständischen in Gallien für ein eigenes Gallisches Reich, und vielen Germanen von der rechten Rheinseite, die sich dem Aufstand angeschlossen hatten, ging es vor allem ums Plündern. Das alles machte Aliter seiner Familie eindringlich klar. "Und auf allen Seiten gibt es Leute, die sich nicht scheuen werden, alles und jeden niederzumachen", schloss er. Verschiedene Emotionen spiegelten sich in den Gesichtern seiner Familie - Angst um ihn, aber auch Entschlossenheit. Man konnte doch nicht die Arbeit eines langen Lebens einfach so aufgeben. "Nein, das werden wir auch nicht", sagte Aliter, "auch wenn die legio I Germanica dem gallischen Führer Treue geschworen hat, sind wir nicht verpflichtet, gemeinen Räubern und Plünderern alles hier zu überlassen." Nun horchte seine Familie auf. "Wir werden sammeln, was wir auf keinen Fall verlieren möchten", sagte er, "und das nehmt Ihr mit in die CCAA."

Damit war auch seine Familie einverstanden. So schnell es ging, sammelten sie unauffällig ihre wichtigsten Besitztümer und die ihrer Freunde und Nachbarn ein und sicherten sie für den Transport in die CCAA. "Wir müssen etwas da lassen", warnte Aliter immer wieder, "damit die Beutegierigen etwas finden, dann ziehen sie vielleicht wieder ab, ohne viel zu zerstören." Schließlich standen die Reisewagen zur Abfahrt in die CCAA bereit. Und doch fiel ihnen allen der Abschied schwer. Als der Zug mit Aliters Familie, Freunden und Nachbarn sicher auf dem Weg in die CCAA war, ging er zu seinen alten Kameraden in die Militärgebäude im Süden der Stadt.

Schon wenig später brach eine ganze Horde von den Aufständischen über Bonn herein. Sie besetzten zentrale Gebäude der Stadt und den Hafen. Kurz darauf sahen Aliter und seine Kameraden im Norden ein großes Feuer lodern - das Legionslager brannte lichterloh. Aliter war klar gewesen, dass gerade das Lager ein verhasster Anblick für die Aufständischen war; doch er hatte viele Jahre seines Lebens hier zugebracht, und der Anblick des brennenden Lagers tat ihm sehr weh. "Verdammt!" stieß er zwischen den Zähnen hervor.

Dann machte sich eine zügellose Horde über Bonn her. Wieder sah Aliter einzelne Feuer auflodern. Als sie seinem Haus immer näher kamen, vergaß er jede Vorsicht und rannte los. Keuchend kam er an und sah, wie einige Barbaren mit Schwertern und Stangen auf die Fenster und Türen einschlugen. Als sie ihn sahen, drehten sie sich um und kamen mit erhobenen Waffen auf ihn zu. Aliter erstarrte. "Halt!", donnerte eine laute Stimme. Ein Mann, offensichtlich ein batavischer Offizier, rannte los und schlug den Angreifern die Waffen aus der Hand. "Halt, sage ich! Ihr werdet keine Zivilisten töten!" "Das ist ein Römer!" schrie einer der Angreifer. "Egal!", schrie der Bataver zurück, "wir sind Krieger, keine gemeinen Mörder!" Dann wandte er sich an Aliter: "Ich kenne Dein Haus, Ihr habt immer faire Preise gemacht, egal ob Römer, Ubier oder Bataver. Gib' mir von Deinen Lebensmitteln für meine Leute ab und ein Fass Wein für die da", sagte er und zeigte auf die Angreifer, "und dann sind wir weg." Das tat Aliter, und der batavische Offizier hielt Wort. Aliter blickte ihm nach. Er war froh und dankbar, dass er mit dem Leben davon gekommen war, und dasselbe wünschte er ihm.

Nach dem Krieg (70)

Nach seinem Sieg im Bürgerkrieg hatte Kaiser Vespasian in Rom nun Truppen zur Verfügung, um den Aufstand niederzuschlagen. Eine gewaltige Streitmacht von insgesamt acht Legionen zog unter General Cerialis nach Germania Inferior, und trotz der Unterstützung durch die Brukterer und Tenkterer wurden die Bataver besiegt; weite Teile ihres Landes und ihre Hauptstadt wurden zerstört. Wenigstens schloss Cerialis einen maßvollen Frieden.

Nun konnte Aliter seine Familie wieder in die Arme schließen. Doch es waren bange Tage, denn Fortiters legio I Germanica war unter den Besiegten. Endlich kam ein Brief von Poesina aus Augst: Fortiter lebte und war wohlauf. Kaiser Vespasian hatte die I Germanica aufgelöst und die Soldaten anderen Legionen in Illyrien zugeteilt. Weiter schrieb sie, dass Fortiter zur legio XI Claudia kommen würde, die gerade von Dalmatien nach Vindonissa versetzt wurde. Aliter atmete tief durch und legte den Brief aus der Hand. Das war mehr als man hoffen konnte. Vindonissa, das war in Germania Superior, ganz in der Nähe von Augst. Da würde er ihn besuchen können, ihm als ehemaligem Centurio würde man das kaum verwehren. Wozu hatte er noch seinen Helm mit dem quergestellten Helmbusch?

Im Spätsommer war Nativo endlich wieder in Bonn. Zusammen mit seinem Halbbruder Aliter ging er durch das zerstörte Legionslager. Zwischen den Trümmern erblickte Nativo eine Münze auf dem Boden und hob sie auf. Sie zeigte die Zerstörung des Legionslagers Xanten und den Untergang der Legionen XV Primigenia und V Alaudae. Offensichtlich hatte Civilis diese Münzen prägen lassen. Angewidert schmiss Nativo sie weg. "Wir werden das Lager wieder aufbauen", sagte Aliter entschieden, "aus Stein!"

Auch Aliters und Pumellas Steinhäuschen stand noch, bedurfte aber gewaltiger Reparaturen. "Du weißt, der alte Legionär der V Alaudae hat mir seine Ersparnisse vermacht", sagte Nativo langsam, "ich werde sie Euch geben, damit Ihr hier alles neu aufbaut. Euer kleines Steinhäuschen mit einem Ladenlokal, in dem Ihr Oliven, Olivenöl und alle die guten Dinge verkauft, die ich bringe. Und vielleicht auch eine kleine Garküche. Das gebt Ihr dann später weiter an Nauticula und Rubeus." Es folgte einen Moment Schweigen, dann sah er neue Hoffnung in den Gesichtern - ja, das war ein guter Weg. "Wir wollen das Andenken dieses alten Legionärs der V Alaudae in Ehren halten", meinte Aliter, "vielleicht mit einem guten Namen für das Haus." "Villa Alaudae!" sagte Nauticula freudestrahlend.

Ein neues Legionslager (um 70)

Kaiser Vespasian saß sicher auf seinem Thron, doch er traute den Rheinlegionen nicht, die auf der Seite seines Gegners Vitellius gestanden hatten und im Bataver-Aufstand zum Teil übergelaufen waren. Fast alle alteingesessenen Legionen wurden in weit entfernte Regionen versetzt oder gar aufgelöst, an ihrer Stelle kamen neue Legionen, auf die der Kaiser sich verlassen konnte. Die legio I Germanica war aufgelöst worden; dafür kam die legio XXI Rapax nach Bonn. Sie musste sich zunächst ein neues Legionslager aufbauen, eines der größten Legionslager am Rhein sollte es werden. Tag für Tag wurden drüben am Drachenfels Steine gebrochen. Wieder saß Aliter, nun ein älterer Herr, am Drachenfels und baute seinen Stand auf. Ganz wohl war ihm nicht, denn er kannte niemanden in der neuen Legion. Diese hatte zu den Stützen von Cerialis gehört, während die Bonner legio I Germa-nica Schande auf sich geladen hatte. Dabei wollte er ins Gespräch mit den Männern der XXI Rapax kommen, denn schließlich hatte diese Legion bis vor kurzem im Legionslager Vindonissa gestanden, wo nun die XI Claudia mit seinem Sohn Fortiter war. Aliter wollte alles von Vindonissa wissen. Schließlich fasste er sich ein Herz und fragte einen alten Legionär der XXI Rapax, dem es besonders gut zu schmecken schien. "Vindonissa ist gar nicht schlecht", sagte der, "ein kleines Städtchen so wie Bonn hier, nur viel höher gelegen. Für die jungen Kerle ist fast zu ruhig. Ihr könnt hier in ein Schiff steigen und den Rhein aufwärts fast bis dorthin fahren."

Familien-Bande (71)

Im Frühjahr des folgenden Jahres war es so weit. Nativos Schiff legte in Bonn an. Doch bevor sie nach Süden fuhren, wollten Aliter und Nativo mit Nauticulas Vater Tschorba noch etwas regeln. Kaiser Vespasians gewaltige Reorganisation der Rheinarmee betraf auch ihn. Die Mainzer legio IIII Macedonica wurde aufgelöst, als IIII Flavia Felix neu aufgestellt und nach Dalmatien versetzt. Noch schlimmer traf es die Neusser legio XVI Gallica, sie wurde als XVI Flavia Firma neu gegründet und gleich an die Ostgrenze nach Syrien versetzt. Die Donau-Legionen aus Cerialis' Heer mussten schnell zurück an die mittlere und untere Donau. Diese Truppenverlegungen waren eine gewaltige logistische Aufgabe, und auch auf die Rheinflotte, die Classis Germanica, kam einiges zu. Tschorba, der selbst von der unteren Donau kam, würde lange weg sein, und das bedrückte ihn sehr.

"Du weißt, wie lieb wir Nauticula haben, und dass Du Dir keine Sorgen um sie machen musst", sagte Aliter beruhigend, "und vielleicht möchtest Du auch Deine Heimat wiedersehen." Nativo fuhr fort: "Ich weiß, die Dienstzeit bei der Flotte ist noch länger als bei der Legion, aber Du hast es bald geschafft, und dann bekommst Du römisches Bürgerrecht. Setz' das jetzt nicht auf Spiel, und wenn Du Deinen Dienst beendet hast, möchte ich Dich gerne als Schiffsführer für unser Geschäft gewinnen." Tschorba verschlug es die Sprache, damit hatte er trotz aller Freundschaft nicht gerechnet. Nauticula flog ihm um den Hals. Während er seine Tochter fest im Arm hielt und Tränen wegblinzelte, fuhr Nativo fort: "Ich brauche einen tüchtigen Kapitän, der sich auch an der Donau auskennt, denn da verlagert sich jetzt vieles hin." Aliter strahlte von einem Ohr zum anderen, dann sagte er: "Auch ubische Auxiliartruppen sind an die Donau verlegt worden. Als Anfang kannst Du Ihnen etwas Leckeres aus ihrer Heimat mitbringen, und auf dem Rückweg dann unseren thrakischen Hilfstruppen und Mitbürgern hier am Rhein etwas aus ihrer Heimat. Das sind wir Ihnen doch schuldig!"

Einige Tage später ging es rheinaufwärts zu Nativos Tochter Poesina nach Augst. Dort angekommen, war es nur noch ein kurzer Weg zum Legionslager Vindonissa. Aliter setzte seinen alten Helm auf und machte sich auf, um seinen Sohn abzuholen. Einige glückliche Tage konnte Fortiter im Kreis der Familie verbringen. "Ich habe es noch gut getroffen", sagte er bewegt, "viele von der I Germanica sind getötet worden. Vindonissa ist ganz in Ordnung, und es ist am Rhein, ich bin oft hier bei Poesina und kann sogar Urlaub bei Euch machen. Es hätte viel schlimmer kommen können."

Nach einigen glücklichen Tagen in Augst reisten sie auf dem Landweg weiter nach Mailand. Nativo hatte, auch im Namen seiner Frau und seiner Kinder, darauf bestanden. Nach über zwanzig Jahren Abwesenheit von seiner Heimatstadt war es eine bewegende Zeit für Aliter, und die Herzlichkeit, mit der Nativos Familie die seine aufnahm, gab ihm sehr viel. "Es ist Zeit, Frieden mit der Vergangenheit zu schließen", sagte Nativo, "Du und ich, wir gehören hierhin, und wir gehören an den Rhein, und das vererben wir unseren Kindern."

"Villa Alaudae" (72)

Aliters wieder aufgebautes Steinhäuschen, die "Villa Alaudae", war ein Schmuckstück geworden. Sie lag nahe am Ufer, und die Fenster waren so angeordnet, dass man von den Wohnräumen der Familie aus den Rhein sehen konnte und die Schiffe, die anlegten und ausliefen. Das Haus war weiß getüncht, unten mit einem dunkleren Rotton abgesetzt. Durch eine Säulenhalle kam man zum Eingang und sah gleich auf das kleine Peristyl, ein Gärtchen, von dem aus offene Türen mit Holzeinfassung in die umgebenden Räume führten. Neben den Wohnräumen, der Küche und den Wirtschaftsräumen gab es ein kleines Ladenlokal, das zur Straßenseite hin offen war. Der Boden hatte Steinfliesen und in den selbstgezimmerten Regalen standen Amphoren und Glasflaschen mit den herrlichsten Oliven, Olivenölen und Weinen. Über die Theke konnten die Leute auch warme Mahlzeiten kaufen, denn die meisten Häuser waren klein und eng, und das Kochen war kaum möglich. Es war kein Vergleich mit den opulenten Menüs, die bei den Gelagen der Oberschicht aufgetragen wurden, aber das musste auch nicht sein. Die Gerichte von der "Villa Alaudae" waren alle frisch zubereitet und schmeckten einfach gut.

Als das Haus fast fertig war, hatten einige Legionäre der XXI Rapax einen kleinen Steinblock vom Drachenfels gebracht. Aliter war gerührt; er wusste ja, dass der Steinbruch ein militärischer Betrieb war und die Steine nur für offizielle Bauten verwendet wurden. "Ja, das stimmt", sagte ein Offizier, "doch Du hast so viel für uns getan, Du bist so oft mit uns drüben, da ist es nur richtig, dass Du ein Stückchen von drüben auch hier hast. Dieser Block gäbe einen guten Weihestein hier für Euer Peristyl." So geschah es.

Nun war der Weihestein fertig gemeißelt und wurde im Beisein von Familie und Freunden gesetzt. Er zeigte drei Frauen in ubischer Festtracht, die zusammen auf einer Bank saßen. Die beiden äußeren trugen große, auffällige Hauben; die mittlere war kleiner dargestellt und trug ihr Haar offen. Alle drei hielten einen Fruchtkorb auf dem Schoß. Es waren die Aufanischen Mütter; sie standen für Jugend, Erwachsensein und Alter, das Wachsen, Blühen und Absterben in der Natur. Über diesen ewigen Kreislauf des Lebens wachten sie und gewährten mütterlichen Schutz.

Die Einheimischen, unter ihnen Pumella Pulchras Familie, verehrten sie seit alters her; nun bat Aliter um Schutz für seine ganze, weitverzweigte Familie: Pumella Pulchra, seine geliebte Frau, Fortiter, sein ältester Sohn, der im Legionslager Vindonissa in Germania Superior seinen Dienst tat und ab und zu auf Urlaub kam, Rubeus, sein jüngerer Sohn, der bald seine Pflegetochter Nauticula heiraten würde, ihr Vater Tschorba, der auf der Donau unterwegs war, und natürlich Nativo, sein Halbbruder, der ihn in den Schoß seiner Ursprungsfamilie zurückgeholt hatte.

Bildnachweis

Die Karte und das Bild von Vespasian stammen aus der deutschen Wikipedia, public domain section.