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Die Rheingrenze

An der Rheingrenze, zur Zeit von Kaiser Claudius (41-54 n. Chr.)

Caesars Gallischer Krieg (58-51 v.Chr.) hatte römische Legionen an den Rhein gebracht. Nach seinem Sieg über die keltischen und germanischen Stämme Galliens war der Rhein die Grenze zwischen dem Römischen Reich auf der linken und dem freien "Germania Magna" auf der rechten Rheinseite. Das Siebengebirge lag in Sichtweite der römischen Legionäre in Bonn und Köln. Marcus Prunus Aliter, ein Mittdreißiger, war Centurio der legio I Germanica, die seit dem Jahr 43 in Bonn, damals Bonna, stationiert war. Schon früh hatte er seine Heimatstadt Mediolanum, das heutigen Mailand, verlassen. Dort hatte er einen Halbbruder, Lucius Olivifer Nativo, Juniorchef eines Handelshauses.

Auf dem Weg nach Germania Inferior (um 50)

Straßburg, Mainz, Bingen, Koblenz, Remagen - langsam fuhr der Flussfrachter an den Römerstädten am Rhein vorbei. Lucius Olivifer Nativo war auf dem Weg von seiner Heimatstadt Mailand, dem antiken Mediolanum in Norditalien, nach Bonn in Germania Inferior, wo die legio I Germanica stationiert war.

Sein Halbbruder Marcus Prunus Aliter war dort Centurio. Kurz nach dem frühen Tod seiner ersten Frau hatte der Vater Nativos Mutter geheiratet. Ihre Familie betrieb ein gut gehendes Handelshaus, und so brachte ihm diese zweite Ehe den Aufstieg in die besseren Kreise. Der Sohn aus erster Ehe war im neuen Haushalt nur geduldet, der Einstieg in das Handelshaus blieb ihm verwehrt. Mit 18 Jahren war er in die Armeeeingetreten und hatte sich gleich zum Dienst an der Rheingrenze gemeldet. Nativo aber mochte seinen Halbbruder sehr und es bekümmerte ihn, dass er so weit weg war. Sogar seinen Namen hatte er abgelegt und nannte sich nun "Aliter" - ein anderer.

Inzwischen war der Vater hochbetagt und Nativo hatte die Leitung des Handelshauses übernommen. Er ging in seinem Geschäft auf: Weine aus dem ganzen Mittelmeerraum, Datteln, Feigen und andere Spezereien aus den Provinzen im Osten und aus Afrika, Pfirsiche aus den südlichen Regionen, und immer wieder Oliven und ihr köstliches Öl, das er ganz besonders liebte. Sie kamen aus Istrien, Apulien, dem Süden der Iberischen Halbinsel und aus Nordafrika.

Nativo war nicht wohl bei dem Gedanken, dass sein Bruder an der umkämpften Rheingrenze stationiert war. Auch fast 40 Jahre nach der verheerenden Niederlage des Varus gegen die Germanen unter Arminius waren viele Römer noch tief erschüttert. Damals hatte Kaiser Augustus acht Legionen an den Rhein kommandiert; sein Enkel Germanicus war mit dem gesamten Heer in einen verheerender Krieg gegen die Germanen gezogen, doch ein entscheidender Sieg war ihm nicht gelungen. Dann hatte Augustus' Nachfolger Tiberius den Feldherrn abberufen und den Krieg beendet. Er hatte selbst viele Jahre in Germanien gekämpft, verhandelt und kannte es gut. Nach seiner Einschätzung hätte Rom zu viel investieren müssen, bevor Germanien eine gewinnbringende Provinz werden würde - wenn man überhaupt so weit käme.

Viele Römer aus Nativos Bekanntschaft schimpften immer noch darüber. Er aber war froh, dass Tiberius so entschieden hatte. Rom hatte Hass gesät, und Hass würde nur neuen Hass hervorbringen. Den Cheruskerfürsten Arminius hatten die Römer nicht bezwingen können, den Ehemann und Vater Arminius schon. Seine schwangere Frau Thusnelda war von ihrem eigenen Vater Segestes an Germanicus ausgeliefert worden, sein Sohn war in Gefangenschaft zur Welt gekommen. Beim Triumphzug des Germanicus hatte Segestes als Freund Roms auf der Ehrentribüne gesessen, während seine Familie als Kriegsgefangene vorgeführt worden war. Nativo fühlte nur Verachtung für einen solchen Vater und Großvater.

Dann fegte er die düsteren Gedanken weg. "Schluss damit", dachte er. Er freute sich schon auf die Gesichter der Truppen und ihres Anhangs, wenn er seine Waren auslud: Oliven, Olivenöl, frisches Obst, die Würzsoße Garum und natürlich Wein - nicht den ganz teuren aus der Ägäis, aber einfache, leckere Weine aus Italien, Gallien und der Iberische Halbinsel. Die meisten Legionäre waren einfache Leute aus Italien und Südgallien und vermissten ihre heimische Küche doch sehr. Vor allem freute er sich auf seinen Halbbruder Aliter.

Bonn (um 50)

Endlich war er da und konnte Aliter in die Arme schließen. Doch - für ihn, den Mann aus Mailand mit seiner urbanen Kultur, seinen Bädern und Fußbodenheizungen, war das kleine Bonn fast ein Kulturschock. Da waren die ubische Siedlung, das Legionslager, an dem immer noch gezimmert wurde, und eine hastig aufgebaute Lagervorstadt, die Canabae Legionis. "So schlimm ist es nicht", lachte Aliter, als er die Miene seines Halbbruders sah, "komm' erst mal an, unser Bad steht zur Verfügung, und danach führe ich Dich herum."

Und so schlimm war es dann auch nicht. Am Abend saßen die beiden am Rheinuferbei einem Glas des mitgebrachten Weins. Das kleine Städtchen hatte seinen Reiz. Es lag auf einer Halbinsel zwischen dem großen, mächtigen Rhein und einem Altarm, der Gumme, und im Hinterland sah er weite Ebenen und Berge. Auch das bunt gemischte Völkchen um ihn herum mochte er. Da waren die germanischen Ubier, die vor vielen Jahren Agrippa auf der linken Rheinseite angesiedelt hatte, einige Kelten, eine Kohorte thrakischer Hilfstruppen und die Männer der legio I Germanica. Nach und nach ließen sich auch Händler und Handwerker nieder.

Aliter schmunzelte. "Hast Du gedacht, hier essen wir vom Fußboden oder laufen in Fellen herum?" fragte er, "gib' unserem Bonn ein wenig Zeit, Du wirst sehen, es wird ein schmuckes Städtchen!" Nativo stutzte. "Das klingt so, als wolltest Du hierbleiben", sagte er. "Schon möglich", antwortete Aliter langsam, "ich möchte Dir jemanden vorstellen". Eine junge Frau mit rotblonden Haaren trat auf sie zu. "Das ist Pumella Pulchra", sagte Aliter strahlend, "mit ihr möchte ich mein Leben verbringen, und wenn meine Dienstzeit vorbei ist, werden wir heiraten." Nativo war überrascht, doch er freute sich von ganzem Herzen für seinen Halb-bruder. "Nun, dann werde ich wohl häufiger kommen müssen", sagte er, und für eine Weile hing jeder seinen Gedanken nach. Dann nahm Nativo noch einen großen Schluck und sagte: "Weißt Du, Vater hatte vor allem die Kundschaft in den großen Städten Italiens im Auge. Ich bin gerne mal unterwegs, vor allem auf dem Wasser, und ich möchte unser Geschäft hierhin ausdehnen. Vielleicht finde ich ja Handelspartner am Rhein." Aliter strahlte. "Nach dem Ende meiner Dienstzeit möchte ich mich mit um die Verpflegung unserer Leute kümmern ", sagte er, "der Lagerkommandant ist für jede Hilfe dankbar. Noch können wir sie vor Ort nicht ausreichend versorgen und vieles muss importiert werden, vor allem die Speisen aus der Heimat. Du hast ja gesehen, wie sich die Kameraden freuen, wenn sie Oliven und Olivenöl zu einem fairen Preis kaufen können. Also, einen Handelspartner hättest Du hier schon einmal." Darauf tranken sie. "Und wer weiß", fügte Nativo träumend hinzu, "bislang habe ich ja nur Frachtraum auf einem Schiff gemietet, aber wenn das Geschäft gut läuft, kann ich vielleicht einmal mit einem eigenen Schiff kommen."

Die andere Rheinseite (54)

Nach seiner aktiven Dienstzeit gründeten Aliter und Pumella Pulchra eine Familie. Sie bekamen zwei Söhne, die sie Fortiter und Rubeus nannten. Sie lebten in einem schmucken kleinen Steinhäuschen am Rhein. Es war weit genug weg, um nicht vom Hochwasser überrascht zu werden, und doch nahe genug, dass sie von ihrem Fenster aus die Schiffe sahen. Aliter liebte diesen Betrieb auf dem Rhein. Oft schaute er hinüber zum anderen Ufer. Ein breiter Streifen auf der rechten Rheinseite war Militärgebiet. Pumella Pulchra war schon hier auf der linken Rheinseite in der Ubiersiedlung geboren worden. Die ganz Alten in ihrer Familie erzählten noch von der alten Heimat der Ubier drüben auf der rechten Seite, etwas weiter südlich.

Bald würden Arbeitstrupps auf die andere Seite übersetzen und an einem der Sieben Berge Steine brechen. Die uralten Ubier nannten ihn Drachenfels. Nun hatten die römischen Bauingenieure festgestellt, dass sich das Gestein dort besonders gut verbauen ließ, und allem voran sollte die Colonia Claudia Ara Agrippinensium, die CCAA, eine Stadtmauer bekommen.

Agrippina und die CCAA (um 55)

Aliter erinnerte sich an die Zeit, als die legio I Germanica dort gestanden hatte. Um das Jahr 28 hatte man das Doppellegionslager dann aufgelöst; die legio XX Valeria Victrix war nach Neuss, lateinisch Novaesium, gegangen, seine eigene I Germanica nach Bonn.

Im Jahre 50 war aus dem Oppidum Ubiorum die Colonia Claudia Ara Agrippinensium geworden, eine Stadt römischen Rechts. Das hatte die Kaisergattin Agrippina bei ihrem Mann Kaiser Claudius durchgesetzt. Die uralten Veteranen erinnerten sich noch an den November des Jahres 15, in dem Agrippina als Tochter des Feldherrn Germanicus dort geboren worden war. Nun, viele Jahre später, hatte sie ein bewegtes Leben hinter sich und schließlich Kaiser Claudius, ihren Onkel, dazu gebracht, sie zu heiraten und Nero, ihren Sohn aus erster Ehe, zu adoptieren. Agrippina galt als sehr machtbewusste Frau.

Steinbruch am Drachenfels (um 55)

Inzwischen war der Steinbruch drüben auf der anderen Rheinseite in vollem Gang. Es war eine harte Arbeit für alle Männer der Arbeitstrupps: Zunächst schlugen sie auf der gewünschten Trennlinie Stück für Stück Keillöcher ein, dann steckten sie Eisenkeile in die Löcher und schlugen sie mit einem Hammer nacheinander ein, bis ein Spalt durch den Stein ging und man das gewünschte Stück abspalten konnte. Dann wurde der Stein noch vor Ort grob zusammengehauen und gut gesichert den Berg hinab zum Rheinufer gebracht. Dort wurde er verladen.

Mit seiner Frau Pumella Pulchra und seinen beiden Söhnen wollte Aliter es den Männern etwas leichter machen und für ordentliche Verpflegung sorgen. Er hatte in der Nähe des Steinbruchs einen Stand aufgebaut: eine Holzplatte auf zwei Böcken, auf denen er die Speisen anbot, daneben einige Amphoren mit Wasser und ein einfacher Klappstuhl für ihn. Hier konnte sich die Männer zwischendurch Oliven, Brot, Käse, Obst und Wasser holen. Sein Bruder Nativo kam nun regelmäßig nach Bonn und hatte stets die herrlichsten Oliven, Ölivenöle, Früchte und natürlich auch Weine dabei.

So verbrachte Aliter viele Tage auf der anderen Rheinseite am Fuß des Drachenfels. Er sah zu, wie die Schiffe der römischen Rheinflotte, der Classis Germanica, unterhalb der Steinbrüche anlegten, beladen wurden und weiterfuhren nach Norden. Wo würden all diese Steine verbaut werden? Manchmal gönnten sich die Mannschaften nach getaner Arbeit eine kurze Pause, bevor sie wieder ablegten. Dann erzählten sie ihm von der gewaltigen Stadtmauer rund um die CCAA und von ihrem neuen Flottenkastell , das südlich von der Stadt gebaut wurde. Aber die Fahrt ging noch viel weiter zu den Legionslagern in Novaesium (Neuss), Vetera (Xanten), bis hinauf ins Land der Bataver, wo sich der Rhein mehrfach gabelte.

Nauticula (62)

Aliter hatte viele Angehörige der Rheinflotte kennengelernt, und mit manchen freundete er sich auch an. Die meisten stammten aus dem Osten des Reiches. Da war Tschorba, der mit den thrakischen Hilfstruppen gekommen war. Aliter merkte, dass er Sorgen hatte. Eines Abends, als sie ein Glas miteinander tranken, sprach er ihn an. "Es stimmt, ich weiß mir keinen Rat mehr", sagte Tschorba, und dann brach es aus ihm hervor: "Meine Frau ist vor kurzem gestorben, und ich habe eine kleine Tochter. Ja, ich weiß, eigentlich dürfen wir nicht heiraten, aber so fern der Heimat allein zu sein ist schwer, auch wenn es mir hier am Rhein gefällt. Nauticula ist ein so lebhaftes Kind, sie liebt den Fluss und die Schiffe wie ich; am liebsten wäre sie den ganzen Tag draußen am Wasser. Nun ist sie bei Verwandten meiner Frau, die sehr konservativ sind und kein Verständnis dafür aufbringen. Du weißt ja, für eine römische Frau schickt es sich, zuhause zu bleiben. Nauticula kommt mir bei jedem Besuch blasser vor, und ich bin die ganze Zeit weg." Er schwieg eine Weile, dachte nach und fuhr dann fort: "Vielleicht sollte ich all das gar nicht sagen, schließlich denken die meisten römischen Familienväter in dieser Hinsicht genauso. Doch wie ich Dich kennengelernt habe, liebst Du Deine Kinder und willst sie glücklich sehen." "Nauticula heißt sie?" fragte Aliter verwundert, "das ist ein ungewöhnlicher Name für ein Mädchen." "Eigentlich heißt sie ja auch Gaia", antwortete Tschorba, "ich nenne sie Nauticula, weil sie ein kleiner Seemann ist."

Aliter lächelte, dann sagte er: "Was wäre denn damals aus den römischen Truppen auf der rechten Rheinseite, im Feindesland, geworden, wenn Germanicus' Gattin Agrippina Maior schicklich zuhause geblieben wäre, als verzagte Römer die Rheinbrücke in der CCAA sperren wollten? Man hätte sie ihrem Schicksal überlassen! Und nun komm' mal mit zu mir." Und dann erzählten sie Pumella Pulchra dieselbe Geschichte. Die beiden schauten sich an. "Wir haben uns immer noch ein Schwesterchen für unsere Söhne gewünscht", sagte Pumella Pulchra, "nun, wenn Du magst, kann Dein Töchterchen hier bei uns leben und Dich bei jedem Einlaufen begrüßen!"

Betrieb auf dem Rhein (um 65)

Einige glückliche Jahre gingen ins Land. Nauticula wuchs mit Fortiter und Rubeus auf und es ging hoch her in dem kleinen Steinhäuschen am Rhein. Fortiter wollte wie der Vater Offizier in der Bonner legio I Germanica werden. Mit seinen Kameraden würde er die Rheingrenze sichern, doch Legionär zu sein war für ihn noch viel mehr: Nun, da Frieden an der Rheingrenze war, würden sie Straßen, Brücken und Aquädukte bauen, und er, Sohn eines Römers und einer Ubierin, würde mithelfen, aus seinem Heimatland Germania Inferior eine blühende Provinz zu machen.

Rubeus liebte den Betrieb auf dem Rhein und wollte zur Hafenkommandatur gehen, deren Chef ein Centurio im Stab Kommandanten der legio I Germanica war. Zwar konnte man Bonn nicht mit der großen CCAA vergleichen, doch am Hafen war immer Betrieb: Die Schiffe der Rheinflotte patrouillierten rheinauf- und rheinabwärts, und fast täglich legten kleine und großen Handelsschiffe an, brachten Getreide und andere Vorräte für die Legion, Terra-Sigilata-Geschirr und andere Handelswaren aus Gallien und Germania Superior. Die Freude am Betrieb auf dem Rhein verband Rubeus und Nauticula; die beiden mochten sich überhaupt sehr gerne. Schon von weitem erkannten sie das Schiff, auf dem Nauticulas Vater Tschorba seinen Dienst tat, und ebenso Nativos Schiff.

Nativo hatte seinen Traum verwirklicht; er hatte neue Handelswege aufgebaut und besaß ein eigenes Schiff. Von Mailand aus führte seine Handelsroute über die römische Fernstraße nach Augst, lateinisch Augusta Raurica, am Rhein in Germania Superior. Diese Stadt lag am schiffbaren Rhein; hier schnitten sich wichtiger Fernstraßen; Gewerbe, Handwerk und Handel blühten. Vor allem aber hatte seine Tochter Poesina einen ortsansässigen Handelspartner geheiratet und mit ihm eine Niederlassung des Handelshauses Olivifer eröffnet. Von dort war es nur ein Katzensprung zum Legionslager Vindonissa (Windisch), das sein Haus auch belieferte. Dann ging es weiter über die Legionsstädte Straßburg und Mainz, lateinisch Argentorate und Moguntiacum, zu Aliter nach Bonn, und von dort aus bis hinauf ins Bataverland im Norden Germania Inferiors.

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